Multidisziplinäre Prävention des Post-Intensive-Care-Syndroms (PICS)

Zusammenfassung der Bachelorthesis von Tony Mendes

Tony Mendes
Lehrperson im Bildungsgang Pflege HF & Verantwortlicher Curriculum und Unterrichtsentwicklung
Kontakt: tony.notexisting@nodomain.commendes@edubs.notexisting@nodomain.comch

Betreuer: Dr. rer. Martin R. Fröhlich (Studiengangleiter Bachelor of Science in Nursing FH, Careum Hochschule Gesundheit Zürich)

Experte: Christian Emsden (MScN, APN Intensivstation, Universitätsspital Basel)
 

Die intensivmedizinische Versorgung in der Schweiz gilt als hochentwickelt; im Jahr 2023 wurden über 80'000 Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen (IPS) behandelt. Ein solcher Aufenthalt bedeutet jedoch oft den Beginn einer langwierigen gesundheitlichen Krise. Über 50% der Betroffenen entwickeln ein Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS), das durch körperliche, kognitive und psychische Langzeitfolgen charakterisiert ist. Diese Beeinträchtigungen erschweren nicht nur die individuelle Lebensqualität, sondern belasten auch das Gesundheitssystem und behindern die berufliche Reintegration massiv.

Evidenzbasierte Strategien zur Risikominimierung
Um der Entstehung und Schwere von PICS wirksam zu begegnen, müssen multidisziplinäre und frühzeitige Interventionen implementiert werden. Die systematische Literaturrecherche identifizierte folgende zentrale Säulen der Prävention:

  •  Multimodale Bündel-Interventionen: Das modifizierte ABCDE-Bündel (u. a. Sedierungsmanagement, Delirprävention und Frühmobilisation) gilt als praxisrelevanter Goldstandard. Die Anwendung ist nachweislich mit einer reduzierten Komaprävalenz und höheren Frühmobilisationsraten assoziiert.
  • Frühzeitige Rehabilitation: Programme, die bereits auf der IPS starten und bis zu zwölf Wochen nach Entlassung fortgeführt werden, zeigen signifikante Erfolge bei der Verbesserung der Atemkapazität und Muskelkraft, insbesondere bei COVID-19-Überlebenden.
  • Kommunikation und Information: Ehemalige Patientinnen und Patienten weisen einen hohen Informationsbedarf auf. Das CICARE-Kommunikationsmodell reduziert nachweislich Angst-, Depressions- und PTBS-Symptome. Visuelle Informationsformate werden dabei gegenüber rein schriftlichen Materialien bevorzugt.
  • Technologische Innovationen: Virtual Reality-gestützte Trainings können das Arbeitsgedächtnis verbessern und depressive Verstimmungen lindern. Ergänzend zeigen Machine-Learning-basierte Systeme (z. B. für individualisierte Kunstempfehlungen) kurzfristig positive affektive Effekte.
  • Spezialisierte Nachsorge: Die Etablierung multidisziplinärer PICS-Ambulanzen, wie sie bereits am Universitätsspital Basel erfolgreich geführt werden, führen innerhalb weniger Monate zu einer markanten Reduktion psychischer Symptome.

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Expertenperspektive und systemische Herausforderungen

Christian Emsden betont, dass technologische Ansätze die persönliche, ganzheitliche Betreuung niemals ersetzen, sondern lediglich ergänzen dürfen. Trotz der vielversprechenden Evidenz behindern strukturelle Barrieren die flächendeckende Umsetzung: Viele präventive Massnahmen sind ressourcenintensiv und werden aktuell im Schweizer Gesundheitssystem unzureichend finanziert.

Um die Versorgungslücke nachhaltig zu schliessen, ist eine stärkere Verankerung der PICS-Prävention in nationalen Gesundheitsstrategien wie der Strategie „Gesundheit 2030“, sowie eine verstärkte Sensibilisierung der Fachöffentlichkeit unabdingbar.

Ausblick
Lesen Sie in einem unserer nächsten Newsletter, wie die Erkenntnisse dieser Arbeit in das Curriculum des dritten Ausbildungsjahres in der Pflege HF am BzG implementiert werden.
 

Literaturverzeichnis (Auszug)

BAG. (2023). Gesundheit 2030: Die gesundheitspolitische Strategie des Bundesrates.
Carvalho, T. et al. (2023). Multidisciplinary rehabilitation in COVID-19 survivors. [zitiert in Mendes, 2025]
Lee, H. W. et al. (2019). Effects of the ABCDE bundle on delirium and mobilization. Critical Care Medicine, 47(6), 597.
Mendes, T. (2025). Im Schatten der Intensivpflege: Multidisziplinäre präventive Interventionen zur Minimierung des Post-Intensive-Care-Syndroms [Bachelorthesis]. Careum Hochschule Gesundheit Zürich.
Navarra-Ventura, G. et al. (2021). Virtual Reality training in post-ICU care. [zitiert in Mendes, 2025]
Needham, D. M. et al. (2012). Improving long-term outcomes after discharge from intensive care unit: Report from a stakeholders' conference. Critical Care Medicine, 40(2), 502–509.
Sayde, G. et al. (2023). Outcomes of a multidisciplinary PICS clinic. [zitiert in Mendes, 2025]
Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin. (2023). Jahresbericht 2023.
Vlake, J. H. et al. (2020). Information needs and visual formats in ICU survivors. [zitiert in Mendes, 2025]
Ylma, S., et al. (2024). Machine-learning based art recommendation in clinical settings. [zitiert in Mendes, 2025]

(Die vollständige Quellenangabe der analysierten Primärstudien kann beim Autor angefragt werden.)

 

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